[Rezension] Die gleißende Welt von Siri Hustvedt

PRODUKTDETAILS:

Titel: Die gleißende Welt
Reihe: -
Autor: Siri Hustvedt
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur
Herausgeber: Rowohlt Verlag
Erscheinungstermin: 24. April 2014
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-498-03024-7
Format: Hardcover
Seitenzahl: 496 Seiten

PRODUKTINFORMATIONEN:

Kurzbeschreibung:
"Die gleißende Welt" ist der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert als eine der ersten Frauen überhaupt unter ihrem eigenen Namen publizierte. Als frühe Universalgelehrte ist sie Vorbild und Idol von Harriett Burden, der Witwe eines einflussreichen New Yorker Galeristen. Nach dessen vorzeitigem Tod in den siebziger Jahren beginnt Harriett - in der öffentlichen Wahrnehmung nichts als die Frau an der Seite des berühmten Mannes, aber in Wahrheit hochtalentiert - ein heimliches Experiment: eine Karriere als Installationskünstlerin, die sich hinter dem angeblichen Werk dreier männlicher "Masken" verbirgt, das in Wahrheit sie selbst erschaffen hat. Doch der Faustische Handel schlägt fehl - einer dieser Maskenmänner, selbst ein bekannter Künstler, durchkreuzt ihr Rollenspiel und setzt sein eigenes dagegen, und es kommt zum Kampf zweier großer Geister.

Der Verlag über das Buch
Das Buch ist ein Konzert widerstreitender Stimmen, eine polyphone Tour de Force über die Macht von Vorurteilen, Begierde, Geld und Ruhm. Es versammelt alle großen Themen Siri Hustvedts aus Literatur, Kunst, Psychologie und Naturwissenschaften. Ein mutiges, schillerndes Meisterstück.

DIE BEWERTUNG

Meinung:
Die gleißende Welt ist ein prall gefülltes Künstlerinnenbuch. Ein Buch voller sinnlicher, interessanter, schwieriger, charakterstarke und aufwühlender Passagen. Aufgrund der komplexen Romanstruktur (eine Zwittergestalt aus biografischer Erzählung und Herausgeberfiktion) ist es zwar nicht leicht zu lesen, aber wer dran bleibt, dem erschließen sich die (Gedanken)Welten der gleißenden Welt.

Das Cover/Die Gestaltung:
Abstrakt, schlicht und anziehend. Die Buchhülle umfasst den Roman perfekt mit ihren roten Papierschnipsel und gerissenen Buchseiten, gibt schnörkellos und kraftvoll einen Halt für diesen Roman und seinen Meinungscollagen.
2,0/2,0 Punkten

Die Sprache/Der Satzbau:
Siri Hustvedts Sprache ist (all)umfassend. Mal komplex, mal pathetisch, mal einfach und schnöde, mal energisch und hart, aber immer zutreffend. Da der Roman sich aus verschiedenen Perspektiven aufbaut, spricht auch jeder Abschnitt eine andere Sprache.
Der Einstieg mit dem Herausgebertext ist gut getroffen – ganz so wie im wahren Leben. Auch die verschiedenen Interviews, Briefe und Stellungnahmen von Harriet Burdens Zeitgenossen sind unglaublich pointiert gestaltet; der Leser erlebt tatsächlich die verschiedenen Figuren über die Sprache.
Manchmal sind es längere Sätze, die einem zum wiederholten Lesen nötigen. Insbesondere bei den philosophischen Diskursen kann es schwer fallen zu folgen; Ganz besonders wenn der Leser selbst mit den Diskursen nicht vertraut ist.
Doch schränken sie nicht ein, behindern den Leser nicht in seiner Rezeption. Denn dies ist das wunderschöne an Hustvedts Roman: Er steht jedem offen. Auf mehreren Ebenen erzählt er so viel.
2,0/2,0 Punkten

Die Figurentiefe/Die Figurenentwicklung:
Die Figuren aus der gleißenden Welt sind Menschen aus Fleisch und Blut. Und das merkt man auch. Sie sind neurotisch, besessen, bösartig, liebevoll, verrückt, großartig, kleingeistig, schwierig… eben menschlich.
Sie alle hier zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen, deswegen nur ein paar wenige Worte zur Hauptfigur. Harriet Burden. Frau, Witwe, Mutter, Mäzenin, Philosophin und Künstlerin. Ihr ambitioniertes und schwieriges Kunstprojekt (ihre Kunstwerke über drei männliche Künstler zu veröffentlichen und ihre Urheberschaft zu verschweigen) ist es, welches eine fiktive Herausgeberin dazu veranlasst, ein Buch über die Künstlerin Burden zu schreiben.
Dabei wird „Harry“ immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Mal spricht sie über ihre Notizbücher selbst, mal sind es Meinungen von Anderen. Wir verfolgen das wilde Mädchen Harry (Erinnerungen ihrer Freundin Rachel), die gefühlvolle und fördernde Mutter (durch ihre beiden Kinder), die Kunstmäzenin (durch verschiedene Künstler, die bei ihr wohnen konnten) und die Künstlerin (durch Kunstkritiker, durch Galeristen, durch den Kunstbetrieb).
Es treten so viele Facetten dieser Frau zutage, die aufzeigen, wie stark, aber auch schwach dieser Charakter war. Hier möchte ich noch einmal darauf verweisen, dass Harry – genau wie ihr Vorbild Magret Cavendish (die sie gleißende Mutter nennt) – eine Heldin ist. Voller Ideale, Ideen, großartigen Überlegungen und Kreativität. Doch sie scheitert an ihrer Zeit. Denn Frauen sind in der Kunstwelt zwar toleriert, aber nicht respektiert. Zwar scheitert sie an vielen Dingen, aber sie scheitert erfolgreich.
Die Entwicklungsstränge der Figuren zu verfolgen, ist schwierig, denn der Roman ist nicht chronologisch verfasst, sondern eine Collage aus verschiedenen Blickwinkeln. Aus verschiedenen Lebenslagen, mit verschiedenen Wünschen, Intensionen und Standpunkten. Aber andererseits hat diese Art der Erzählung auch einen besonderen Reiz, weil wir jede Figur und ihre Eigenheiten aufs Neue entdecken.
2,0/2,0 Punkten

Der Plot/Der Geschichtsverlauf:
Harry, ihre Kunst, ihre männlichen Masken. Der gesellschaftliche Aufschrei. Die Geschlechterfrage. Das ist der Stoff, aus dem die gleißende Welt gemacht ist.
Und doch gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Denn genau wie Cavendishs (Harrys Heldin) utopisches Werk Die gleißende Welt geht es um eine Utopie von Leben.
Der Leser erfährt in kleinen Collagen von dem Leben der Künstlerin und ihrem besonderen Künstlerwettstreit. Erfährt von ihren drei Masken. Drei Künstler, die Harrys Werk veröffentlichen sollen, drei verschiedene Kunstebenen. Ein Mann, der an diesem Experiment verzweifelt, ein zweiter (Trans)Mann, der mit den Zwischentönen des Rollentausches vertraut und gut gestellt ist und ein dritter Mann, der die Künstlerin selbst zum Zweifeln bringt. Ein Künstler, der der Frau Harriet Burden nicht ähnlicher oder unähnlicher sein könnte. Auch er greift in seine Trickkiste – genau wie die Künstlerin selbst. Es entbrennt ein heftiger Streit zwischen diesen beiden starken Charakteren: wer hat nun die Kunstwerke geschaffen? Rune, der ausgestellte Künstler oder Harriet Burden, die Galeristen-Witwe? Familie und Freunde, Gegner und Befürworter sprechen/streiten in der fiktiven Monografie über genau diese Frage.
2,0/2,0 Punkten

Der Aufbau/Die Nachvollziehbarkeit:
Der Aufbau der Geschichte wird die meisten Leser sicherlich verwirren. Aber der Roman legt auch keinen Wert auf Nachvollziehbarkeit. Hustvedt setzt intelligent die verschiedenen Meinungscollagen aneinander: nutzt die Herausgeberfiktion eines Buches über die Künstlerin Burden und ihre männlichen (Kunst)Masken um die (Kunst)Welt zu beschreiben. Dabei ist die Gestaltung der Kapitel ganz auf die Präsentationsform in dem Herausgebertext abgestimmt. So sind Interviews in typischer Art zu lesen, genauso wie Stellungnahmen einzelner Figuren, aber auch Tagebuch- und Notizbucheintragungen der Protagonistin.
Anstrengend und ungewohnt sind für die meisten Leser sicherlich auch der Fußnotentext und die philosophische Auseinandersetzung in Harrys Notiz- und Tagebüchern. Alles nicht ganz einfach. Wer mag überliest es einfach.
Aber das wäre schade, denn gerade diese Stellen sind es, die es nachzuforschen gilt. Diese Stellen zeigen die Position der Autorin, die in ihrem Roman aus so vielen verschiedenen Leben und Meinungen da Stellung bezieht und ihre Gedanken zu der komplexen Frage der Stellung der Frau und des Lebens durchscheinen lässt.
Manchmal erfordert der Text Mühe und Mut, um weiterzulesen, aber letztlich treibt einen die Frage um, wer ist/war Harriet Burden eigentlich? Und dann will man weiterlesen, mehr erfahren über diese großartige, mutige Frau.
1,5/2,0 Punkten

Fazit:
Mit 9,5 von 10,0 Punkten vergebe ich all denjenigen die Leseempfehlung, deren Leselust sich nicht von anspruchsvoller Literatur, das immer präsente Streitthema Mann-Frau und das große Thema Menschen und Leben bremsen lässt. Durch die widersprüchlich-neurotischen, doch trotz allem liebenswerten Figuren ist die Geschichte ein großer wagemutiger Versuch unsere wichtigen Gesellschaftsfragen aufzuarbeiten. Dabei ist es die große Stärke des Buches, das alles in der Schwebe bleibt. Meinungen und Lebensentwürfe werden aufgezeigt, doch zwingt die Autorin niemanden die Vorstellung zu übernehmen.

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