[Rezension] Melancholisch, tragisch und einfühlsam: Die Stille nach Nina Simone von Tor Fretheim


Titel: Die Stille nach Nina Simone
Reihe: -
Autor: Tor Fretheim
Gelesene Sprache: Deutsch
Genre: Jugendbuch
Herausgeber: mixtvision Verlag
Erscheinungstermin: 01. September 2015
ISBN: 978-3958540316
Format: Klappenbroschur
Seitenzahl: 130 Seiten
Preis: EUR 12,90

PRODUKTINFORMATIONEN:

Kurzbeschreibung:
Tor Fretheim erzählt von dem 18-jährigen Simon, der sich auf einer Zugreise nach Nordnorwegen befindet, wo sein Vater im Gefängnis sitzt. In einem Brief wendet sich Simon an die US-amerikanische Jazzsängerin Nina Simone. Die Sängerin spielt eine zentrale Rolle in Simons Geschichte, da seine Eltern sich bei einem ihrer Konzerte kennenlernten und ihren Sohn nach ihr benannten.
Simons Reise wird ein Streifzug in die Vergangenheit: Simons Vater hat die Mutter jahrelang misshandelt und schließlich umgebracht.

Der Verlag über das Buch:
Knappe Sätze sowie komprimierte Kapitel treiben den Roman voran, rollen das Geschehen nach und nach auf und geben kurze, zugleich jedoch tiefgreifende Einblicke hinter die Fassade einer ”ganz normalen Familie”.

Über den Autor:
Der Norweger Tor Fretheim, Jahrgang 1946, ist Journalist, Übersetzer und Autor mehrerer Romane und Bühnenstücke. Seine Werke sind vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

DIE BEWERTUNG

Meinung:
Ein beunruhigendes Porträt über eine Familientragödie. Eine schwer zu ertragende Tragödie, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht und mitfühlen lässt.

Das Cover/Die Gestaltung:
Die Gestaltung des Covers von einem Buch über eine Familientragödie auf einen Plattenspieler zu reduzieren, ist gewagt. Eine jugendliche Zielgruppe wird es vielleicht nicht sofort in den Bann ziehen, aber das Cover unterstreicht die wichtige Rolle der Musik, der Schallplatten, im Buch.
Denn wenn die Musik im Elternschlafzimmer ertönt und danach die Stille einkehrt, wenn der Vater von der Schallplattensammlung und dem Kennenlernen der Eltern bei einem Nina Simone Konzert erzählt, dann sind es die Schallplatten, die wichtig sind. Die Musikerin Nina Simone und ihre Platten, ihre Musik und die Stille danach sind die heimlichen Protagonisten, auf die der Titel des Romans auch prägnant verweist.
2,0/2,0 Punkten

Die Sprache/Der Satzbau:
Fretheim überzeugt mit einer sehr klaren, kurzen und prägnanten Sprache, die durch ihre Kürze und ihre bewusste Komposition äußerst eindringlich und brisant wird.
Die kurzen Sätze und die einfachen Worte spiegeln die Sprach- und Empfindungslosigkeit des Protagonisten wider. Auch der Widerwille sich überhaupt damit – mit der Welt der Erwachsenen – zu beschäftigen, kommt durch kurz gesetzte Worte, die kühl und technisch wirken, sehr gut zur Geltung.
Es gibt aber auch Momente, in denen der Leser der Gefühlswelt von Simon sehr nahe sein kann. Dann sind es Metaphern, welche die Sprache bestimmen. Sie bringen das hervor, was Simon schon als kleines Kind spürte, aber doch nicht bewusst wahrnahm. Diese Metaphorik bringt unterschwellig beim Lesen das Familienidyll zum Wanken; was Simon nicht begreifen kann, erkennt der Leser und wird dadurch immer tiefer in die Geschichte gesogen.
2,0/2,0 Punkten

Die Figurentiefe/Die Figurenentwicklung:
Tor Fretheim gelingt es mit ganz wenigen Charakteren ein düsteres, aber lebendiges Bild der Familie zu zeigen.
Die Mutter, das Opfer, ist tot, zuvor verschwunden. Sie ist es, die in den Rückblenden noch am besten greifbar wird, obwohl sie so unterschiedliche Gesichter hat. Immer wieder spielt sie andere Rollen: die Ehefrau und Mutter, die geschminkte, schöne Frau, die ausgeht oder die Chorfrau, die ganz anders ist als zuhause.
Der Vater hingegen bleibt ein Mysterium. Zwar gilt er als freundlicher Mann, aber da liegt vieles unter der Oberfläche. Und dies muss auch der Sohn erkennen. Denn der Vater ist es, der unter Verdacht gerät und inhaftiert wird. Doch trotz allem bleibt er kühl, ruhig und distanziert.
Das Verhältnis der Eltern zueinander war kompliziert. Die Musik von Nina Simone einte sie beide. Sie benannten sogar ihren Sohn nach der Sängerin. Was während der lauten Musik von Nina Simone im Schlafzimmer der Eltern geschah, rechtfertigt sich der Vater gegenüber seinen Sohn, hätte die Mutter so gewollt und gebraucht.
Simon, der achtzehnjährige Ich-Erzähler, wird oft (sogar von sich selbst) nur als der Sohn (18) genannt. Damit anonymisiert er sich, obgleich er doch die Hauptfigur ist.
Aber er ist eine sehr inaktive und komplizierte Figur. Er sucht nicht aktiv nach der Wahrheit, denn so richtig will er sie nicht wissen. Dadurch ist er handlungs- und bewegungsunfähig, sogar den Brief, den er schreiben will, bekommt er nicht fertig. Nur die ersten Zeilen kann er schreiben.
Seine Sprachlosigkeit zu diesem Geschehen macht die Figur Simon aus; die Sprache Fretheims passt sich diesem Umstand bedingungslos an.
Oftmals wirkt Simon kalt und unnahbar, dies liegt aber wohl daran, dass er nicht versteht, was geschehen ist.
Die Figuren und ihre verschiedenen Facetten zeichnet Fretheim ganz intensiv und legt dabei Schicht für Schicht immer weiter frei, sodass dem Leser das ganze Ausmaß der Familiengeschichte bewusst wird. Zwar kann es Simon selbst nicht wirklich fassen, der Leser aber umso mehr.
Dies ist ein gekonnter Schachzug von Fretheim, der dadurch die Geschichte und die Spannung weiter vorantreibt.
2,0/2,0 Punkten

Der Plot/Der Geschichtsverlauf:
Der Roman gliedert sich in zwei Handlungsebenen, die miteinander verschränkt sind.
Die erste ist unspektakulär. Sie handelt von Simon, einem achtzehnjährigen Jungen, der in einem Zug sitzt. Seine Mutter verschwand und wurde dann tot aufgefunden. Sein Vater sitzt im Gefängnis. Der Zug ist auf den Weg in den Norden Norwegens, wo sich auch das Gefängnis befindet. Während der Zugfahrt schreibt Simon einen Brief an die tote Musikerin Nina Simone.
Die zweite Handlungsebene ist die der Vergangenheit.
Durch Rückblenden wird das Geschehen der Geschichte retrospektiv erlebt, aus der Erinnerung Simons. Dieser versucht, zu verstehen was passiert ist. Wieso seine Mutter verschwand und was sein Vater damit zu tun hat.
Dieses innerhalb von Rückblenden erzählte Erleben ist die wirkliche Handlung. Hier baut sich die Spannung auf, da der ahnungslose Junge mit dem Verschwinden und der möglichen Tat seines Vaters konfrontiert wird.
Immer wieder durchbrochen ist die Handlung von den Momenten in der Gegenwart, als Simon im Zug sitzt und seinen Brief an Nina Simone zu schreiben versucht.
Sehr theatralisch wirkt die Inszenierung des Briefeschreibens an die tote Musikerin. Zwar ist es ein origineller Einfall, die Musikerin als Handlungselement (einerseits als Musikerin und andererseits als Adressatin eines Briefes) miteinzubeziehen – wenn man bedenkt, dass Nina Simone selbst in ihren Liedern immer wieder gewalttätige Beziehungen verarbeitete. Doch die tote Musikerin als Briefadressatin zu nutzen? Dies wirkt doch sehr stark inszeniert. Welcher Achtzehnjährige, der die Tat seines Vaters verstehen will, käme auf diesen Gedanken? Schade ist auch, dass so eine mögliche Konfrontation zwischen Vater und Sohn bewusst offengelassen wird.
1,5/2,0 Punkten

Der Aufbau/Die Nachvollziehbarkeit:
Der Aufbau von diesem Jugendroman ist gut durchdacht. Sehr durchkomponiert verfolgt der Autor ein pointiertes Spiel, in dem das Ungesagte des Geschehens über die Wirkung der Musik und der Person Nina Simone transportiert wird. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans.
Wenn man die Geschichte als Erst-Einmal-Verstehen-Müssen der Familientragödie begreift, so ist der Roman als Ganzes hervorragend durchkomponiert. Die beiden Handlungsebenen von Simons Gegenwart im Zug und den Rückblenden im Familienleben harmonieren gut miteinander und wechseln zwischen Anspannung und trauriger (Un)Gewissheit.
Einen wirklichen Höhepunkt hat die Geschichte meiner Ansicht nach nicht, da es an einer Position Simons zu dem Geschehen fehlt.
So ist auch eine Konfrontation zwischen Sohn und Vater nicht möglich. Dabei wäre dies als Handlungselement wäre wünschenswert gewesen.
Dem Leser bleibt nur die Gewissheit der Ungewissheit, dass Simon nicht weiß, was er von dieser Tat zu halten hat. Denn glauben mag und kann er es immer noch nicht.
Dadurch lässt auch das offene Ende den Leser mit einer gehörigen Portion Ungewissheit zurück, da er nicht – genau wie auch der Protagonist – nicht wissen kann, was wirklich geschehen ist. Ob dies gut oder schlecht ist, kann jeder für sich entscheiden.
1,5/2,0 Punkten

Fazit:
Mit 9,0 von 10,0 Punkten vergebe ich all denjenigen die Leseempfehlung, die düstere Familiengeschichten und subversive Spannung mögen sowie sich für Themen wie Gewalt in der Familie, Täter- und Opferbeziehungen und menschliche Abgründe interessieren.
Dies alles bietet Tor Fretheim kompakt und prägnant in seinem Jugendroman, der von der verlorenen bzw. geraubten (Illusion der) Kindheit erzählt.

2 Sprünge

  1. Huhu!

    Merkwürdig, dass ich von diesem Buch noch nichts gehört habe ... Dabei klingt es genau nach einem Stoff, den ich interessant finde. Nur mit dem Cover kann ich mich irgendwie nicht so anfreunden, hätte ich es auf einem Werbedisplay entdeckt, hätte ich es wohl ignoriert. Was soll das darstellen? Ich meine, ich muss ja nicht immer verstehen, was ein Cover abbildet, aber das ist ja offensichtlich ein Foto von einem Gegenstand ...

    Liebe Grüße
    Marie

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    Antworten
    1. Hallo Marie,

      wenn du durch meine Rezension auf dieses tolle Buch aufmerksam geworden bist, freut mich das sehr. Das Cover stellt einen Plattenspieler dar, den vielleicht jüngere Leser nicht unbedingt gleich auf den ersten Blick erkennen. Doch finde ich das Cover sehr ansprechend, da es den Inhalt transportiert, ohne aufdringlich zu wirken.
      Das Buch kann ich nur empfehlen!

      LG Lia

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