[ZeilenSprung] Saskias Gespenster von Corinna Antelmann


Im Rahmen unserer selbst ernannten Weltwoche des Buches zum Welttag des Buches 2016 und Blogger schenken Lesefreude 2016 ist es Zeit ein bisschen zwischen die Zeilen eines besonderen Buches zu springen. Gestern konntet ihr schon ein Interview von und mit der Autorin Corinna Antelmann lesen und heute gehen wir tiefer in die Geschichte. Um am Gewinnspiel zu Saskias Gespenster teilzunehmen, lies dir bitte die Teilnahmebedingungen am Ende des Interviews durch!







Die Stille des Erdreiches währte nicht lange, das Abendessen rief, und schon tanzten die Lebenden wieder um Saskia herum. Sie grölten und lachten und redeten und produzierten einen Lärm, gegen den die Großstadt einer der Museumsräume zu sein schien, in denen ihre Mutter als Kunsthistorikerin gearbeitet hatte. ~ Seite 24, Zeile 1 - 6, Saskias Gespenster
Allein diese zwei Sätze, welche man so eher selten in Kinderbüchern liest, zeugen von der Vielfalt, mit welcher die Autorin Bilder im Kopf des Lesers erschafft.
Sie setzt Vergleiche an, welche nicht unbedingt üblich sind, umschreibt das Gewirr mit Saskias Gefühlen, ohne direkt ein Gefühl auszudrücken. Drückt einen Moment dennoch aus und schafft es, dass man als Leser mittendrin ist. Mitten drin in Saskia und mittendrin in ihrem Schicksal.
Und das ohne zu sagen, dass 'die Lebenden' unangenehm sind, dass die Stille die vorher geherrscht hatte erloschen ist und das Gefühl wieder umgeben zu sein von Menschen...
Als ich diesen Satz las war vieles in mir, kam vieles hoch. Zugegebener Maßen, es war Ende des zweiten Messetages auf der Leipziger Buchmesse, die Massen rauschten noch in meinen Ohren und ich kannte das Gefühl nur allzu gut, dass die Großstadt nichts dagegen ist.
Aber dennoch, dennoch schaffte es die Autorin mich mit diesem Satz zum Nachdenken anzustoßen. Sie schrieb nicht, dass es Saskia zu viel war, nein, nicht wörtlich, sondern umschrieb dieses Gefühl mit Worten, die man so oft nicht findet.
Und gerade für ein Kinderbuch, dass meist den Ruf weg hat nicht mit Sprache zu spielen, lässt tief blicken.




»Also nicht tot, ja?«, murmelte Saskia.
»Man ist nur tot, wenn man das Leben aufgibt«, sagte Anja vergnügt und ahmte Kaugeräusche nach, nachdem ein weiteres Apfelstückchen durch sie hindurch gerutscht war. Ihr Pferdeschwanz wippte aufgeregt.
»Wenn man tot sein möchte«, ergänzte Valdimir. In seine Stimme mischte sich Mitgefühl, als er leise weitersprach: »So wie du, Saskia.« ~ Seite 48, Zeile 1 - 8, Saskias Gespenster
Das nicht alles nur einfach und ohne Komplikationen zu erzählen ist, dass wird in diesem Satz deutlich. Als Leser denkt man nach. Zumindest ich habe nachgedacht. Habe versucht mich tiefer und tiefer in Saskia hineinzuversetzten. Mit ihrem leid umzugehen, sie verstehen zu wollen. Und schließlich ist mir klar geworden: Es ist nicht so einfach. Saskia ist eine starke Protagonistin, der das Leben unter den Füßen weggezogen wurde. Wie würde man sich da direkt fühlen?
Natürlich ist mir bewusst, dass Saskia jünger ist als ich, dass ich meine Eltern noch habe und auch mein Leben. Dennoch, Verlust gehört dazu. In jedem Alter. Und ich weiß noch genau, wie es war, als mein erstes Haustier starb. Ich fühlte genauso. Fühlte, dass da etwas leer war. Natürlich nicht so wie Saskia, welche sich gerade noch in einer Depression befindet und alles tun würde, um ihre Eltern zu finden. Das nicht, nein, aber dennoch, zwischen den Zeilen dieses Gespräches steckt so viel Wahrheit. Nicht nur über die Protagonistin. Sondern, so wie ich finde, für jeden von uns, der gerade oder irgendwann einmal einen Verlust durch den Tod erlitten hat.




Ihre Verhärtung weichte weiter und weiter auf, als wäre sie selbst einer der schwebenden Töne, dem die Sterblichkeit gleichgültig war, ja, als fände sie Eingang in die Ewigkeit. ~ Seite 64, Zeile 18 - 21, Saskias Gespenster
Mit diesem Satz schaffte es die Autorin ebenfalls mich in ihren Bann zu ziehen. Deutlich kann man spüren, wie Saskia entgleitet. Wie sich schwebt, wie sie sich befreit. Und das in Worten, welche wieder so fein gewählt, so gut getroffen und so unmissverständlich sind. Gewiss jeder wird etwas anderes mit diesem Satz verbinden. Aber ist das nicht das Schöne an Literatur? Dass sie einen berührt, wenn sie mit anderen Umschreibungen daherkommt, als man es gewohnt ist?




Um den Schlaf zu finden, helfe kein Herumfuchteln und auch kein Schreien. Er musste es ja wissen, denn er hatte es bereits gelernt, damals in der Wüste: einfach innehalten und den Sand durch die Finger rieseln lassen, nichts tun, sein.
Den Schmerz aushalten.
Und tatsächlich kam der Schlaf. Er hatte nur darauf gewartet, dass sie aufhören würde gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. ~ Seite 208, Zeile 16 - 24, Saskias Gespenster
Dagegen anzukämpfen. Es nicht wahrhaben zu wollen. Das ist ein wichtiges und großes Thema in diesem Buch. Eines, welches Saskia erst überwinden muss. Und sie schafft es, durch ihre Gespenster, durch die Kraft in sich selbst. Durch das Weitermachen und vor allem durch die unzähligen Abenteuer, welche sie besteht.
Zugegebener Maßen, Saskias Trauer ist nicht für denjenigen greifbar, welcher seine Eltern nicht verlor. Doch Trauer kann man nicht gegeneinander aufwiegen. So viel Wert ist diese Trauer und so viel Wert die andere. Das geht nicht. Genauso wenig, wie zu sagen: Es ist gut genug, sieh es ein, sie sind tot.
Jeder braucht seine Zeit. Und Saskia schafft es, wie man sieht. Loszulassen, den Schmerz willkommen zu heißen und ihn zu ertragen. Das ist unvermeidlich, wenn man als Hinterbliebener sein Leben weiter lebt. Es ist unvermeidlich, denn all die Zeit, welche man hätte noch mit demjenigen hätte verbringen können, kann man jetzt nicht mehr leben. All die Zeit... Unvermeidlich die Tatsache, dass man nie mehr auch nur einen Augenblick zusammen verbringen wird.
Und dennoch: Zur Ruhe kommen. So wie Saskia auch. Das sollte man. Denn es stellt sich auch für Saskia heraus, das nichts ihre Eltern zurückbringen wird. Und das Leben geht weiter.

In dieser Geschichte über den Drachen in der Wüste Gobi steckt viel Wahrheit. So viel, dass sie sich bei Saskia festsetzt, dass sie sich wie im Zitat oben, damit auseinandersetzt, sich findet und auch dieser Weisheit hingibt. Zum Teil philosophisch und zum Teil nachdenklich, lässt mich dieses Zitat zurück. Sodass einem dieses Buch weit mehr unter die Haut geht, einen nicht loslässt.

7 Sprünge

  1. Hallo Sarah,
    danke für diesen wundervollen Beitrag! Die Zitate wurden meiner Meinung nach perfekt gewählt <3
    Dieses Buch scheint so viel Tiefgang zu besitzen, wie nur sehr wenige Bücher.
    Und ich weiß jetzt schon, dass ich es sicher irgendwann einmal lesen werde.

    Alles Liebe
    Mel

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    1. Hey Mel (schon wieder :D Das freut mich!)
      Wenn dir das Buch (oder besser gesagt die Zitate daraus) so gefallen haben, dann habe ich einen Geheimtipp für dich... Aber psst! :D
      Du kannst das Buch auch gewinnen! Und zwar hier: http://zeilensprung-literatur-erleben.blogspot.de/2016/04/welttag-des-buches-blogger-schenken-lesefreude-Interview-mit-Corinna-Antelmann-ueber-Saskias-Gespenster.html

      Liebe Grüße abermals
      Sarah

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    2. Hallo Sarah, ich hoffe, ich werde nicht langsam lästig! :D
      Danke für den tollen Tipp, ich werde mein Glück auf jeden Fall herausfordern! ;)

      Viele liebe Grüße
      Mel

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    3. Nein, Mel, lästig ist niemand ^^ Also ich finde es nicht störend, dass du kommentierst, auch wenn ich mit dem Zulassen der Kommentare erst einmal nicht nachgekommen bin xD
      Aber, wie gesagt, dass ist nicht schlimm ;)
      Ich freue mich auf einen regen Austausch in den Kommentaren.

      LG
      Sarah

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    4. Manchmal kann ich eben etwas übereifrig sein, aber solange das nicht stört, habe ich ein ruhiges Gewissen :D
      Mich wundert es ja schon ein wenig, warum hier kaum jemand kommentiert. Meiner Meinung nach ist das völlig unverständlich, aber na ja, so gehen meine Kommentare wenigstens nicht unter :)

      LG
      Mel

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    5. Ich denke mal, viele sind stumme Mitleser (das kenne ich von mir persönlich auch :P Ich gebe meinen Senf wirklich nur dazu, wenn es mir unter den Fingerspitzen so sehr juckt, dass ich gar nicht anders kann^^). Es gibt eben solche und solche Blogbesucher :) Es freut mich, dass du zur kommunikativen Variante zählst!

      LG
      Sarah

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    6. Ja, das wird wohl der Grund sein. Wobei auch ich eher zur stummen Partei gehöre, aber manchmal bricht es einfach so aus mir heraus :)
      Ich persönlich freue mich über jegliche Kommentare zu meinen Beiträgen und genauso geht es anderen sicherlich auch! Ab und zu ein kleiner Kommentar tut schließlich auch gar nicht weh :)

      LG
      Mel

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