[Rezension] Literarisch, philosophisch und berührend: Joseph Walsers Maschine von Gonçalo M. Tavares

Joseph Walsers Maschine bei DVA


PRODUKTDETAILS:

Titel: Joseph Walsers Maschine
Reihe: -
Autor: Gonçalo M. Tavares
Gelesene Sprache: Deutsch
Genre: Belletristik
Herausgeber: DVA (ein Verlag der Random House GmbH)
Erscheinungstermin: 29.04.2014
ISBN: 978-3-421-04627-7
Format: Hardcover
Seitenzahl: 171 Seiten
Preis: EUR 19,99

PRODUKTINFORMATIONEN:

Kurzbeschreibung:
»Er war ein seltsamer Mann …« so lernen wir Joseph Walser kennen, einen Fabrikarbeiter in einer namenlosen Stadt. Ein stiller Mensch, dessen Leben sehr eintönig verläuft: Die endlosen Stunden vor der Maschine, die trostlose Ehe mit seiner Frau Marga, das wöchentliche Würfelspiel mit Arbeitskollegen und die Sammlung loser Metallteile, die er wie einen wertvollen Schatz hinter verschlossener Tür hegt und pflegt. Doch Walsers Routine wird gewaltsam zerstört, als feindliche Truppen die Stadt besetzen und ein kleiner Unfall an seiner geliebten Maschine für ihn verhängnisvolle Folgen hat.

Der Verlag über das Buch:
Wie schon in seinem preisgekrönten Roman "Die Versehrten" lotet Gonçalo M. Tavares in Joseph Walsers Maschine die existenziellen Fragen des Lebens aus, zeigt das Individuum als Opfer einer unversöhnlichen Welt. Gonçalo M. Tavares gilt als würdiger literarischer Nachfolger von José Saramago und Antonio Lobo Antunes. Die französische Zeitung Le Figaro bezeichnete ihn als »den portugiesischen Kafka«.

Über den Autor:
Der 1970 geborene Portugiese Gonçalo M. Tavares gilt seit seinem Debütroman 2001 als einer der bedeutendsten portugiesischen Autoren. In seinen Werken setzt Tavares sich mit den großen Fragen der Menschheit auseinander, stark beeinflusst von seinem beruflichen Umfeld; Tavares lehrt in Lissabon Erkenntnistheorie.

DIE BEWERTUNG

Meinung:
Eine Parabel über die Menschlichkeit in einer entmenschlichten Zeit; keine leichte Kost, aber voller philosophischer, kraftvoller und berührender Erkenntnisse, die einem einen Schauer über den Rücken jagen.

Das Cover/Die Gestaltung:
Der Einband des Buches ist die Darstellung einer Metallspule, freilich abstrakt, weshalb der Leser erst während des Lesens auf diese Idee kommt. Denn Metall spielt in dem Roman eine tragende Rolle. Als Bauteile für Maschinen, als Sammlung für Walser, als Ordnungssystem für das Leben. So ist das Cover inhaltlich, aber auch optisch-ästhetisch durch seine Reduktion auf das Wesentliche sehr gelungen.
2,0/2,0 Punkten

Die Sprache/Der Satzbau:
Gonçalo M. Tavares‘ Sätze leben durch präzise und klare Sprache. Beinahe analytisch verfolgt der Erzähler Joseph Walser und schafft eine mitunter seltsame Verbindung zwischen Protagonist und Leser. Denn Walser ist kein besonders stark fühlender Mensch; seine Eindrücke schildert der Autor stets wortkarg und distanziert. Doch gerade diese Distanz schafft eine unglaubliche Nähe, wenn man dem Protagonisten Walser folgt. Bemerkenswert ist auch, dass Tavares viele moralisch-ethische und erkenntnistheoretische Debatten und Vorstellungen anspruchsvoll in die Geschichte einflechtet.
2,0/2,0 Punkten

Die Figurentiefe/Die Figurenentwicklung:
Tavares legt sehr viel Wert auf seine Figuren. Sie sind sehr menschlich; überheblich, anspruchsvoll, verletzlich und missverstanden. Jospeh Walser, die Hauptfigur, wird einerseits sehr genau geschildert, andererseits verschwimmt er, weil sein Wesen selbst kühl und distanziert ist. Die Ehe mit seiner Frau wird anfangs nicht näher thematisiert, aber im Laufe der Geschichte erfährt der Leser sehr viel darüber. Es gibt kaum Austausch zwischen diesen beiden Menschen; Walser hat sich komplett in seine Welt zurückgezogen.
Die Symbiose mit der Maschine lässt diese menschlich werden. Walsers Wünsche und Hoffnungen auf ein gutes, vorhersehbares Leben erfüllen sich bei seiner Arbeit. Es ist nichts Menschliches mehr dabei, aber genau diese Entmenschlichung macht Walser so menschlich. Seine Verzweiflung und Ablehnung des Zufalls, des Unvorhergesehenen sind Anzeichen dafür. Auch wenn die Figur Joseph Walser dies nicht verstehen kann.
Die Figuren erfüllen allesamt einen tieferen Sinn, der auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Es ist die Konstellation zwischen den Figuren, die alle Ereignisse erst ermöglicht – und ebenso auch das Ende, welches im Grunde ein weiterer Anfang ist.
2,0/2,0 Punkten

Der Plot/Der Geschichtsverlauf:
Da es Tavares nicht so sehr darum geht, eine Heldengeschichte zu erzählen, sondern er sich den Figuren und der Erkenntnis was Leben, Tod, Krieg, Anfang und Ende bedeuten verpflichtet, geschieht nicht so viel in dem Roman. Es ist eher eine Auseinandersetzung mit wichtigen und tiefgreifenden Ereignissen, welche die Protagonisten innerhalb der Geschichte erleben.
So ist die Würfelrunde von Walser ebenso von Bedeutung wie die Arbeit an seiner Maschine. Ein besonderes Symbol und ein wichtiges Handlungselement sind das Metall bzw. die Metall-Sammlung von Walser. Es ist ein für den Versuch, die Geschichte, das Dasein, das Leben zu ordnen. So ist das Sammeln, Kategorisieren und Katalogisieren der einzelnen metallenen Gegenstände von großer Bedeutung.
Allein das Tempo der Geschichte ist problematisch. Zu oft stoppt der Handlungsverlauf, macht das Lesen schwierig. Es ist, als zwingt der Autor den Leser manchmal, darüber nachzudenken, was hier wirklich gemeint wird.
1,5/2,0 Punkten

Der Aufbau/Die Nachvollziehbarkeit:
Der Roman ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die einer gewissen Logik folgen. Immer nach einem besonderen Ereignis setzt ein neuer Abschnitt ein; beleuchtet das Geschehene noch einmal. Viele Handlungsereignisse treffen den Leser unvorbereitet, auch wenn er bereits ein gewisses Bauchgefühl hat, eine gewisse Ahnung, so sind die Geschehnisse doch überraschend. Aber sie überraschen nicht nur den Leser, auch die Figur Walser wird von den Ereignissen überwältigt. Sein Unfall, der einsetzende Krieg, der Verlust der Würfelrunde mitsamt seinen Arbeitskollegen und letztlich auch der Verlust seiner (lieblosen) Ehe.
Ganz besonders gut gelungen ist Tavares das Ende, welches einer unausweichlichen Verunsicherung gleichkommt. Das Leben scheint so willkürlich zu sein wie das Würfelspiel, welches Walser immer mit seinen Arbeitskollegen spielte. Nun soll er wieder würfeln und leben mit der Ungewissheit.
2,0/2,0 Punkten

Fazit:
Mit 9,5 von 10,0 Punkten vergebe ich all denjenigen die Leseempfehlung, die tragisch-ernste Geschichten mit komplexen Charakteren und schwierigen Umstände mögen. Die Geschichte um den einfachen Arbeiter Joseph Walser gleicht einer Parabel über die Menschlichkeit in einer entmenschlichten Zeit; keine leichte Kost, aber voller philosophischer und berührender Momente, die einem einen Schauer über den Rücken jagen.

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