[ZeilenSprung] Rabensommer



Lia und ich haben beide in unseren Rezensionen zu Rabensommer unsere Meinung dargestellt. Nun folgt der ZeilenSprung von uns beiden, in welchem wir unsere liebsten Zitate wie auch solche, die im Gedächtnis geblieben sind, aufführen und mit euch zwischen die Zeilen springen.
Rabe voller Worte
Erstellt mit Tagxedo



 ZeilenSprung


Und mit einem Mal weiß ich: Wir sind keine Raben. Wir sind einfach nur Motten, die wahllos in jedes Licht fliegen, das auf uns scheint. 
Seite 94, Zeile 26 – 28

Raben sind gesellige Tiere.  Sie fliegen in Schwärmen, sind nie weit voneinander entfernt und brechen auf, wenn ein Teil des Schwarms sich erhebt. Juli und ihre Freunde aus Schulzeiten haben alles miteinander geteilt.  Freundschaft, Nähe, Wünsche, Küsse und Sonnenaufgänge.
So ist die Erkenntnis dessen, dass ein Schwarm zerbrechen kann für Juli ein Moment, der sie aus dem Leben wirft; der einen Bruch verursacht und die Autorin hat dies mit den oben stehenden Worten äußerst präzise getroffen.  Es nimmt den Leser mit in eine unbestimmte Zukunft, wissend, dass das Leben sie auseinander bringt, weil es jeder anders (er) lebt.
So gefällt mir diese Einsicht, dass sie sich in ihrer Schulzeit immer an diesen Punkten getroffen haben, die für sie in diesem Augenblick wichtig gewesen waren. In diesem Moment zu leben, sich darauf einzulassen und dann zu wissen, dass alles auseinander gehen wird, weil das Leben dazwischen kommt. Das Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten.
~ Sarah


Ich sehe stattdessen an die Decke und denke plötzlich, was ich eigentlich gar nicht denken wollte, aber die Worte springen mir in den Kopf, und ich bin nicht schnell genug, um sie rechtzeitig zu verscheuchen: Vielleicht, denke ich, fühlt er sich so an, der Anfang vom Ende. 
Seite 13, Zeile 23  – 28

Diese Zeilen geben bereits Einblick in Julis Zukunft. Das Beziehungsende mit Niels hat nicht nur damit etwas zu tun, dass er sich trennen wollte. Nein Juli selbst hat am Anfang der Geschichte das Gefühl, etwas geht zu Ende. Umso erstaunter war ich, als mir am Ende von Teil Eins nach der Trennung Julis komplette Trostlosigkeit  entgegengeschleudert wurde. Sie wusste ja im Grunde selbst, dass der Anfang vom Ende gekommen war. Die Beschreibung finde ich wunderbar und sehr gelungen. Etwas, das in Julis Innerem schwelt, das herausdrängen will, das aber von ihr rigoros beiseite gedrängt wird. Dieses Etwas, diese Vorausahnung, dieses widersprüchliche und ziellose Gefühl… das bringt die Autorin hier sehr gut zum Tragen.
Aber hier wird schon deutlich, dass Juli keine Heldin ist. Sie ist im Grunde eine passive Protagonistin, deren Gefühl ihr deutlich zu verstehen gibt, dass sich etwas ändern wird. Doch das schiebt sie beiseite. Sie will nicht darüber nachdenken. Und leider bleibt das Juli so. Dieser Satz zeigt ganz deutlich, dass sie – obwohl sie erwachsen werden will und muss – es nicht tun kann. Aber ihre Jugend- und Schulzeit ist vorbei. Auch die Beziehung mit Niels. Und das spürt sie ganz deutlich, diesen Anfang vom Ende.
~ Lia


WELCHEN PREIS HAT MEIN LEBEN? hat jemand an die Hauswand gegenüber gesprayt. Darunter klebt ein Preisschild einer DVD, Die Tribute von Panem,12,99 Euro. 
Seite 137, Zeile 1 – 3

Juli hat das Gefühl ihr Leben hat keinen Wert. Einsamkeit und Leere bestimmen ihre Gefühlswelt. Überdeutlich und bewusst. Mit diesem Zitat wirft Juli sich gegen ihre Vorstellung, die sie damals hatte. Die einfach und klar gewesen war. Mehr wert, als eine DVD, die Gott langweilen könnte, die sie langweilen könnte. Vorangestellt hatte sie sich ein Bild von ihrer Zeit mit Niels angeschaut, dabei keine Empfindungen gehabt. Keine Empfindungen, obwohl sie doch einen Plan gehabt hatte. Einen Plan, der nicht weiter darüber hinaus ging als das zu behalten was sie kannte. Wo sie sich in ihrem Leben bequem gemacht hatte.
Die Tribute von Panem bedeutet Veränderungen, Aufbegehren, keine Langeweile und kein nicht von Gott vernachlässigter Film. Doch Juli fühlt sich vernachlässigt. Mit den Zeilen wird dies deutlich. Alles hat seinen Preis, jedes Leben ist laut Juli eine Aufzeichnung Gottes. Sie will Beachtung, kann jedoch nicht aus ihrer Trägheit ausbrechen. Sie kann nicht kämpfen, die Lethargie hat sich in ihrem Leben breit gemacht und sie kämpft nicht.
Und dennoch, dennoch ist dies ein Wendepunkt. Nicht nur für Juli, sondern auch für den Leser. Einem wird klar, dass es nicht so weiter gehen kann. Dies ist zwischen literarischen Momenten und dem Jargon der Alltagssprache äußerst deutlich hervorgehoben.
~ Sarah

Aber da bleibt sie plötzlich stehen, dreht sich zu mir um, atmet schwer und lacht.
Und ich hole sie ein.
Stoße sie im Vorbeilaufen fast um.
Atme schwer.
Und lache.Und lache. 
Seite 145, Zeile 13 – 19

Solche Zeilenfüller dominieren den Zweiten Teil des Buches besonders stark. Zeilenfüller deswegen, weil sie zum einen wirklich immer wieder eine neue Zeile füllen (teilweise mit nur einem Wort) und zum zweiten weil es Allgemeinplätze sind, die hier genannt sind. Es sind beinahe Zeilen wie aus einem Songtext – ohne Melodie, ohne Rhythmus und Leben. Diese seelenlosen Wörter versuchen den Leser ein Lebensgefühl zu vermitteln – und scheitern an ihrer Bedeutungslosigkeit. Nicht, dass diese Worte keine Bedeutung hätten. Aber sie sind nicht verbunden mit Julis Seelenleben, nicht wie oftmals zuvor integriert in ihr Bewusstsein. Es scheinen einfach nur Zeilensprünge/Enjambements in Gedichten bzw. Songtexten zu sein. Eine Beschreibung von einem Vorgang, ohne, dass die Leser sich damit und Julis Erleben identifizieren könnten. Es ist ein Bruch zum Ersten Teil, in dem so viel von Julis Gefühlen gesprochen wird.  Die Autorin versucht hier mit diesen Zeilensprüngen nicht nur Zeilen zu füllen, sondern auch eine rhythmische melodische Sprache einzusetzen, was an dieser und anderen Stellen nicht besonders gut gelingt.
~ Lia


Wahrscheinlich gibt es auf jedem Kontinent, in jedem Land gerade Menschen, die dasselbe tun. Tanzen, lieben, leiden, sich schminken, nach Hause gehen, zu Hause auf jemanden warten, gerade erst ankommen, Alkohol trinken, Joints rauchen, ausflippen, melancholisch werden, sich verlieren, sich suchen, jemand anderen suchen, sich finden oder etwas anderes finden, mit dem sie nicht gerechnet haben. 
Seite 145, Zeile 16 – 22

Jeder macht etwas durch. Jeder erlebt Dinge. Auf seine Weise. Auf andere Weise. Mit anderen Gefühlen, mit anderen Gedanken. Alles ist universell, und doch wieder individuell.

Ja, auf jedem Kontinent, in jedem Land gibt es sie, diese Beschäftigungen. Durch diese bloße Aufzählung, welche dennoch einen Rhythmus in sich trägt, wird nicht nur Juli bewusst, dass das Leben sich nicht von anderen unterscheidet. Jeder lebt sein Leben. Jeder handelt. Jeder tut diese Dinge. Und jeder kann überrascht werden. Kann anders empfinden oder sich einfach dem hingeben und sich treiben zu lassen. Treiben zulassen wie sie es getan hat, bevor sie aufwachte. Sie lebte zwar, aber erlebte nicht. Fühlte nicht all diese Dinge sondern tat sie nur wie aus einem Drang. Doch Leben ist weit mehr als das bloße Aneinanderreihen von Dingen. Nicht alles Erlebte ist gleich. Denn jeder geht anders mit dieser Situation um, die sich dazwischen drängt, wenn man eigentlich etwas anderes erwartet.
~ Sarah

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